Ruedi Aeschbacher will Sterbehilfe verbieten

EVP-Nationalrat Ruedi Aeschbacher will aktive Sterbehilfe verbieten - lieber verrecken lassen als menschenwürdig sterben ist Aeschbachers christliche Devise, Ethik macht offenbar einen grossen Bogen um das Leid der Menschen.

Ruedi Aeschbacher EVP - aktive SterbehilfeEigentlich mag ich die EVP, weil sie im Gegensatz zu sein meisten Parteien wenigstens noch ethischen Grundsätzen folgt, die ich meistens teile. Aber wenn Ethik das Leid ausblendet und Menschen grausam verrecken lässt, dann verkommt Ethik zu einer theologischen Worthülse, die unerträglicher Menschenverachtung gleich kommt und in moralischer Selbstbefriedigung mündet.

Um es vorwegzunehmen, ich gehe mit Ruedi Aeschbacher einig, dass Sterbehilfe nie kommerzialisiert werden darf, der Tod eines Menschen darf nicht zum Spielball der Wirtschaft werden. Diesbezüglich verstehe ich das Engagement von Ruedi Aeschbacher gegen Dignitas + Co.

Aber Ruedi Aeschbacher fordert viel mehr als das, er will nicht nur profit-orientierte Sterbehilfe verbieten sondern auch uneigennützige Sterbehilfe mit bis zu 5 Jahren Gefängnis bestrafen.

Eines hat Ruedi Aeschbacher offenbar vergessen, dass es Menschen gibt, denen es so dreckig geht, dass man vor Gericht gestellt würde, wenn man ein Tier so dahinsiechen liesse. Wo bleibt da Ruedi Aeschbacher’s Erbarmen?

Gegner der aktiven Sterbehilfe werden nun einwenden, dass es ja passive Sterbehilfe gibt und dass diese sooo human sein. All denen möchte ich hier eine erlebte Geschichte erzählen, die kein theologisches Geschwätz ist sondern bittere und grausame Erfahrung ist.

Es ist ein paar Jahre her, als meine Mutter schwer erkrankte. Es bildete sich ein Loch zwischen Luft- und Speiseröhre und bei jedem Schluck landete die Hälfte in der Lunge anstatt im Magen, was entsprechende Erstickungsattacken verursachte. Ihre grösste Angst seit ihrer Kindheit war die Angst vor dem Ersticken und genau das passierte nun unzählige Male täglich. Sie kam zum Schluss, dass ein Leben so nicht mehr erträglich ist und wollte aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Aber aufgrund von Fristenreglungen und sonstigem Formalquatsch war diese Option nicht greifbar. Alles was ihr blieb war sogenannt passive Sterbehilfe - was de facto heisst, dass man sie verhungern liess.
Wochenlang sass ich täglich neben ihr und ihr Zustand wurde immer schlimmer. Man, setzte sie auf Morphium, entzog ihr die Speisen und liess sie langsam aber stetig krepieren. Mit der Zeit füllte sich die Luft im Raum mit dem Geruch von Eiter, der sich in ihren Lungen füllt, es war fast unerträglich, in diesem Fäulnisgestank zu verbleiben. Trotzdem sass ich neben ihr, stundenlang, alle paar Minuten riss sie die Augen auf, der Körper bäumte sich auf und die Angst schrie aus ihren Augen, weil sie wieder fast erstickte. Aber man durfte sie nicht erlösen, sie war ja schliesslich kein Tier. Also litt sie weiter, ängstigte sich weiter und siechte weiter vor sich hin - ganz im Sinne von Ruedi Aeschbacher.

Es sind Jahre vergangen und doch ist kein Bild verschwunden, ich höre ihre stimmlosen Schreie heute noch und ich werde sie wohl ewig weiter hören und diese stillen Schreie rufen immer wieder dieselbe Frage: “Warum musste all dieses unnötige Leiden sein?”.

Während ich diese Zeilen schreibe, zerreisst es mich fast, weil die Erinnerung auch heute noch - Jahre später- lebendig ist, ich höre noch ihr Röcheln, sehe ihre panischen Augen und rieche den Geruch des Eiters in der Luft, der Geruch des Todes der sich langsam aber unaufhaltsam seine Wege bahnt und den Betroffenen in Angst und Schrecken versetzt.

Damals habe meiner Mutter angeboten, sie von ihrem Leiden zu erlösen, doch sie wollte nicht dass ich für sie ins Gefängnis muss. Meine Mutter hatte vor Schmerz und Tod offenbar weniger Angst als vor Ethik-Fundamentalisten vom Schlage eines Ruedi Aeschbacher. Sie und ich haben einen hohen Preis dafür bezahlt.

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6 Responses to “Ruedi Aeschbacher will Sterbehilfe verbieten”

  1. Matthias Says:

    Ah, schon beim Lesen dieser Geschichte wird mir fast übel. Unglaublich, was alles im Namen der Menschenwürde verbrochen wird. Die Kirchenväter und Ordnungshüter der Religion disqualifizieren sich jede Woche von Neuem selbst mit ihren Forderungen.
    Sicher, die Frage der Sterbehilfe ist nicht einfach generell zu beantworten. Wenn aber jemand selbst, bei vollem Bewusstsein, zu sterben wünscht, warum sollte dies verboten sein? Wir wären besser froh, wenn Menschen in Würde in einem Spital gehen wollen, statt sich z.B. durch einen Zug überfahren zu lassen oder sich von einem Turm zu stürzen…

  2. _DoE_ Says:

    Solange Sterbehilfe – egal welcher Art – vom Gesetz geregelt oder gar verboten wird, wird es auch immer Profiteure geben, die aus diesem “Risiko Sterbehilfe” Kapital schlagen.
    Erst wenn jeder frei entscheiden und auch handeln kann, ist keine Risiko mehr vorhanden, das irgendwer vergolden könnte.

    Wenn aber wiederum nur Ärzte Sterbehilfe leisten dürfen, dann haben sie ein weiteres Monopol, das sie berechtigt, die Preise willkürlich anheben zu lassen. Die “kranken Kassen” sind der lebende Beweis für die Kostenexplosion im Gesundheitssystem Krankheitssystem.
    Über das sogenannte “Suicide by Doctor” darf daher gar nicht erst debattiert werden. Sachlich betrachtet bestünde da – ausser dem höheren Preis – kein Unterschied zu den bestehenden Sterbehilfeorganisationen.

    PS: Eine wirklich herzzerreissende und tragische Geschichte. Mein Beileid.

  3. admin Says:

    @DoE: Das Problem von so Sterbehilfeorganisationen entsteht tatsächlich nur deshalb, weil diese Grauzone überhaupt existiert. Ich persönlich würde es gut finden, wenn Ärzte diese Rolle übernehmen würden. In dem von mir erlebten Fall wurde sie ja eh mit Morphium vollgepumpt, es wäre nicht teurer geworden, wenn man die Dosis einmal erhöht hätte.

    Was mich aber wirklich stört und was meinen Blogbeitrag ausgelöst hat ist die Tatsache, dass Aeschbacher Sterbehilfe generell kriminalisieren will. Also selbst wenn ein Angehöriger auf Wunsch des Sterbenden dem Elend ein Ende setzt, soll er nach Aeschbacher bis zu 5 Jahre in den Knast.

  4. Peter Says:

    Ich gratuliere zu diesem sehr gelungenen und persönlichen Beitrag. Sehr gut, chapeau.

  5. S.F.Guntern Says:

    MEIN LEBEEN gehört MIR und dazu gehört AUCH MEIN TOD, über den NUR ICH mit meiner eigenen Lebenserfahrung ENTSCHEIDEN kann.
    Blind für fremde Lebenserfahrungen ist Ruedi Aeschbachers Strafmotion als arrogante Einmischung in ihm nicht zustehende Fremdkompetenzen - Pseudohumanismus eines Selbstdarstellers, wie sein bilderreicher Auftritt im Internet veranschaulicht.
    Mein Empfehlung an den strebsamen CVP-Politiker:
    sich vordringlich bei ‘Dignitas’ anzumelden!
    Damit würde er vielen Menschen eine echte Freude bereiten, uns die Angst vor pubertärer Bevormundung nehmen und so Suizide christlich vermeiden helfen.

  6. Bill Says:

    why do people bother about others lives instead of minding their own business?

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